22.12.2025 – land und region

Am 17. Dezember 2025 protestierten hunderte Landwirte in den Straßen von Brüssel. Es war nicht die erste Bauerndemo in Europa und wird vermutlich nicht die letzte sein. Doch sie war besonders deutlich: In unmittelbarer Nähe zu den EU-Institutionen machten Landwirtinnen und Landwirte ihrem Unmut Luft. Die Gründe sind vielfältig, im Zentrum steht die Sorge, dass die europäische Landwirtschaft zunehmend zum Verhandlungsobjekt globaler Handelsinteressen wird. Und das, so die Kritik, ohne ausreichenden Schutz und ohne ehrlichen Dialog.

Mercosur: Handel auf Kosten der bäuerlichen Landwirtschaft?

Das geplante Handelsabkommen zwischen der EU und dem Mercosur-Raum (Brasilien, Argentinien, Paraguay, Uruguay) ist seit Jahren umstritten, nun rückt es wieder in den Fokus. Für viele Bauern ein Symbol für die Schieflage: Zucker, Fleisch, Getreide oder Ethanol aus Südamerika sollen künftig zollfrei in den europäischen Markt gelangen oft unter Produktionsbedingungen, die in Europa nicht erlaubt oder gesellschaftlich nicht akzeptiert sind.

Die Sorge: Europäische Landwirte werden mit doppelt ungleichen Bedingungen konfrontiert. Während hierzulande Tierwohlstandards, Düngeverordnungen und Naturschutzauflagen verschärft werden, gelten für Importe andere Regeln. Und gleichzeitig sinken die eigenen Einnahmen, weil der Weltmarkt den Preis diktiert.

Wer schützt die heimische Erzeugung?

Die Demonstrationen in Brüssel machten deutlich: Es geht nicht um Protektionismus, sondern um faire Wettbewerbsbedingungen. Die Bauern fordern nicht, dass der Markt abgeschottet wird sondern dass die EU ihre eigenen Standards ernst nimmt, auch gegenüber Drittländern. Wer hier Nitratgrenzwerte verschärft, Tierzahlen begrenzt und Klimaziele vorgibt, kann nicht gleichzeitig Billigfleisch aus Ländern einführen, wo Regenwaldflächen abgebrannt und Hormone eingesetzt werden.

Die Wut richtet sich daher nicht allein gegen das Abkommen, sondern gegen ein politisches System, das auf dem Papier Nachhaltigkeit fordert, aber in der Praxis Exportinteressen über bäuerliche Existenzen stellt.

Ein Gefühl von Ohnmacht und von Stärke

Viele Landwirte fühlen sich nicht mehr gehört weder in Berlin noch in Brüssel. Die Entscheidungen fallen am Verhandlungstisch, aber ohne die, die sie ausbaden müssen. Gleichzeitig zeigen die Proteste auch: Die bäuerliche Stimme ist stark, wenn sie sich erhebt. Die Bilder aus Brüssel waren eindrucksvoll nicht laut, nicht radikal, sondern getragen von Klarheit, Haltung und Entschlossenheit. Bäuerliche Familien, die seit Generationen Lebensmittel erzeugen, fordern Verlässlichkeit, Ehrlichkeit und Augenhöhe.

Klare Haltung: Gewalt ist keine Lösung und kein Weg

So verständlich der Frust vieler Landwirtinnen und Landwirte auch ist, Bilder von Gewalt, Angriffen auf Einsatzkräfte oder Eskalationen einzelner Gruppen sind nicht akzeptabel. Wer Polizisten angreift, beschädigt nicht nur Fahrzeuge, sondern den Dialog selbst. Gewalt vertieft die Gräben zur Politik, zur Gesellschaft, aber auch untereinander in der Landwirtschaft. Ja, es gibt Ohnmacht. Ja, es gibt existenzielle Sorgen. Aber genau deshalb ist es umso wichtiger, weiter das Wort zu führen, mit Haltung, mit Argumenten, mit klarer Stimme. Gewalt ist kein Weg. Nicht meiner. Nicht unserer. Wer ernst genommen werden will, muss zeigen, dass er den Weg des Dialogs nicht verlässt, gerade dann, wenn es am schwersten ist.

Was jetzt zählt: Transparenz, Standards und echter Dialog

Die Zukunft der europäischen Landwirtschaft hängt nicht nur an Handelsabkommen sondern an der Frage: Wie viel ist uns unsere regionale Erzeugung noch wert? Wenn Bauernfamilien vor Ort aufgeben, helfen keine grünen Logos im Supermarkt. Dann verlieren nicht nur Dörfer ihre Betriebe, dann verliert Europa ein Stück Ernährungssouveränität.

Die EU steht daher vor einer Richtungsentscheidung: Will sie eine Landwirtschaft, die für den Weltmarkt geopfert wird oder eine, die mitgestaltet, mitverhandelt und mitgetragen wird?

Die Proteste in Brüssel waren ein Signal nicht gegen die EU, sondern für eine EU, die ihre Grundwerte ernst nimmt: Transparenz, Beteiligung und Gerechtigkeit. Wer Handel betreibt, muss auch Verantwortung übernehmen für Menschen, Regionen und Höfe. Sonst bleibt von „freier Handel“ nichts mehr übrig.

Grüße gehen raus ins Land und die Region.

Autor:

Redaktion Land und Region
Christian Kluge

Fotos: Kluge Kommunikation

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