04.01.2026 – land und region
So, heute reden wir zum Jahresbeginn mal grundsätzlich und über eine ziemlich schräge Entwicklung. Nämlich darüber, wann wir eigentlich angefangen haben zu glauben, dass Natur gefährlich ist und künstlich gut. Irgendwann muss das passiert sein. Still. Heimlich. Zwischen zwei Talkshows.
Fangen wir harmlos an: der Weihnachtsbaum. Der echte Baum wächst hier regional, bindet CO₂, wird gepflegt, geschlagen, genutzt und geht danach zurück in den natürlichen Kreislauf. Der künstliche Baum? Plastik, Chemie, Erdöl, einmal um die Welt geschippert. Und dann heißt es ernsthaft: „Ist nachhaltiger, den jedes Jahr wieder aufzustellen.“ Ja klar. Nach 10 bis 20 Jahren vielleicht. Wenn er bis dahin nicht zerbröselt, stinkt oder einfach weggeschmissen wurde. Aber Hauptsache, Natur ist verdächtig, Plastik wirkt beruhigend.
Nächstes Level: Fleisch. Natürliche Tiere? Klimakiller. Kühe? Problem. Schweine? Problem. Hühner und Schafe? Auch irgendwie problematisch. Aber Fleisch aus der Petrischale, hochverarbeitet, energieintensiv, mit Nährlösung, Bioreaktor und Stromverbrauch wie ein Rechenzentrum, das soll die Lösung sein? Ich denke, wir haben doch noch gar keine Ahnung, was das langfristig mit Körpern, Stoffwechseln und ganzen Ernährungssystemen macht. Aber es klingt modern. Also muss es gut sein.
Weiter gehts: Milch. Die Kuh macht Milch. Seit ein paar tausend Jahren. Funktioniert. Aber plötzlich sind Milchersatzprodukte mit Importrohstoffen, Zusatzstoffen und Marketingbudget der Heilsbringer. Nicht falsch verstehen: Kann jeder trinken, was er will. Aber zu behaupten, das sei automatisch nachhaltiger, ist ungefähr so logisch, wie einen Apfel zu importieren, um einen regionalen Baum zu pflanzen.
Und immer wieder dieselbe Erzählung: Natur = Risiko. Landwirtschaft = Problem. Künstlich = Fortschritt. Dabei ist Landwirtschaft genau das Gegenteil von rückständig. Sie arbeitet mit Kreisläufen, mit Zeit, mit Böden, mit Tieren, mit Erfahrung. Nicht perfekt, aber lernfähig. Nicht steril, aber lebendig.
Vielleicht ist nicht die Natur das Problem. Vielleicht ist es unsere Ungeduld.
Unser Kontrollbedürfnis. Und unser Glaube, dass man Komplexität einfach durch Ideologie ersetzen kann.
Die eigentliche Frage ist doch: Warum trauen wir der Natur und den Menschen, die mit ihr arbeiten, die uns seit jeher ernähren, immer weniger und Systemen, die wir kaum verstehen, immer mehr? Macht das Sinn?
Aber wahrscheinlich nicht.
Autor:
Redaktion Land und Region
Christian Kluge
Fotos: Kluge Kommunikation