12.01.2026 – land und region

Das Mercosur-Abkommen wird in Politik und großen Teilen der Wirtschaft zurecht als bedeutender Erfolg gewertet. Es steht für den Abbau von Zöllen, für verbesserte Marktchancen, für geopolitische Annäherung und für ein Signal, dass die Europäische Union auch in einer fragmentierten Welt handlungsfähig bleibt. Industrie, Exportwirtschaft und internationale Handelspolitik profitieren von dieser Vereinbarung in vielerlei Hinsicht. Diese Bewertung ist sachlich nachvollziehbar und in sich stimmig.

Ein Erfolg, der nicht alle betrifft

Gleichzeitig zeigt sich jedoch ein strukturelles Problem: Während das Abkommen als Ganzes gefeiert wird, bleiben die Auswirkungen auf einzelne Sektoren auffallend unterbelichtet. Besonders deutlich betrifft das die europäische Landwirtschaft. Ihre Einwände, Sorgen und fachlichen Hinweise wurden im politischen Prozess zwar registriert, aber nicht sichtbar berücksichtigt. In der öffentlichen Darstellung des Abkommens spielen sie kaum eine Rolle.

Die Kritik aus der Landwirtschaft richtet sich nicht grundsätzlich gegen internationalen Handel. Sie richtet sich gegen die konkrete Ausgestaltung. Landwirte und Verbände weisen seit Jahren darauf hin, dass mit dem Mercosur-Abkommen Produkte in den europäischen Markt gelangen sollen, die unter deutlich anderen Produktionsbedingungen erzeugt werden. Unterschiedliche Umweltstandards, Pflanzenschutzauflagen, Tierhaltungsregeln und Kontrollen führen zu einem strukturellen Wettbewerbsnachteil für europäische Betriebe.

Unterschiedliche Standards, gleicher Markt

Das Kernproblem liegt nicht im Handel selbst, sondern in der fehlenden Vergleichbarkeit. Während europäische Landwirte unter hohen gesetzlichen Auflagen produzieren, sollen Produkte aus Mercosur-Staaten Zugang zum selben Markt erhalten, ohne dass diese Standards vollständig angeglichen oder konsequent kontrolliert werden. Die Folge ist ein Wettbewerb, der formal offen, praktisch aber asymmetrisch ist. Diese Kritik ist fachlich begründet und seit Langem bekannt.

Besonders problematisch ist die öffentliche Einordnung dieser Auswirkungen. Wenn die Landwirtschaft in Teilen der Berichterstattung als unvermeidlicher „Kollateralschaden“ eines großen politischen Erfolgs beschrieben wird, verschiebt sich die Perspektive. Der Eindruck entsteht, ein ganzer Wirtschaftssektor müsse die Last tragen, damit andere profitieren können. Das ist keine nüchterne Analyse, sondern eine politische Wertung und eine, die die Bedeutung der Landwirtschaft systematisch relativiert.

Landwirtschaft als verlässlicher Partner nicht als Verhandlungsmasse

Die europäische Landwirtschaft ist nicht nur ein Wirtschaftszweig, sondern Teil der Daseinsvorsorge. Sie sichert Versorgung, prägt Kulturlandschaften und erfüllt gesellschaftliche Erwartungen an Umwelt- und Tierschutz. Genau diese Leistungen werden politisch eingefordert und rechtlich abgesichert. Wenn gleichzeitig Handelsabkommen abgeschlossen werden, die diese Leistungen im Wettbewerb entwerten, entsteht ein Widerspruch, der nicht aufgelöst, sondern ausgeblendet wird.

In der öffentlichen Debatte wird häufig argumentiert, Anpassung sei notwendig und Strukturwandel unvermeidlich. Was dabei fehlt, ist die ehrliche Benennung der Folgen. Betriebsaufgaben, Einkommensverluste und der Druck auf regionale Wertschöpfung werden als Randthemen behandelt. Dass diese Entwicklungen politisch mitverursacht sind, wird selten offen ausgesprochen. Stattdessen wird der Blick auf das große Ganze gelenkt auf Handelszahlen, Exportchancen und geopolitische Signale.

Verantwortung bedeutet, Gewinner und Verlierer zu benennen

Ein politischer Erfolg verliert nicht an Bedeutung, wenn man seine Schattenseiten offen anspricht. Im Gegenteil. Verantwortung zeigt sich darin, die Auswirkungen auf alle betroffenen Bereiche ernst zu nehmen. Die Landwirtschaft fordert keine Sonderbehandlung, sondern faire Rahmenbedingungen. Dass ihre Kritik im Zusammenhang mit Mercosur kaum öffentlich reflektiert wird, verstärkt das Gefühl, bewusst übergangen zu werden.

Das Mercosur-Abkommen kann politisch und wirtschaftlich als Erfolg gelten. Gleichzeitig ist es legitim und notwendig, die Belastungen für die Landwirtschaft klar zu benennen. Wer diese Folgen als bloßen Kollateralschaden abtut, verkennt die Bedeutung eines ganzen Sektors. Eine ernsthafte Debatte über Handelspolitik muss beides leisten: Erfolge würdigen und strukturelle Verlierer nicht aus dem Blick verlieren.

Grüße gehen raus ins Land und die Region.

Autor:

Redaktion Land und Region
Christian Kluge

Fotos: Kluge Kommunikation

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