22.01.2026 – land und region

Landwirtschaft wird heute mit einer Vielzahl von Erwartungen konfrontiert. Sie soll Lebensmittel produzieren, Umwelt schützen, Biodiversität fördern, Tierwohl sichern, das Klima retten, Landschaft pflegen, regionale Identität bewahren und zugleich wirtschaftlich bestehen. Diese Anforderungen werden gesellschaftlich breit geteilt und politisch regelmäßig formuliert. Das Problem liegt nicht in den Zielen, sondern in der Gleichzeitigkeit und Widersprüchlichkeit, mit der sie an einen einzelnen Sektor herangetragen werden.

Wenn alles gleichzeitig gefordert wird

Viele der Erwartungen an die Landwirtschaft stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern konkurrieren miteinander. Höhere Tierwohlstandards erhöhen Produktionskosten. Umweltauflagen begrenzen Erträge. Klimaschutzmaßnahmen erfordern Investitionen. Gleichzeitig sollen Lebensmittel preiswert, jederzeit verfügbar und international wettbewerbsfähig sein. Diese Zielkonflikte werden selten offen benannt, sondern implizit der Landwirtschaft zur Lösung überlassen.

Ein zentrales Spannungsfeld entsteht dort, wo gesellschaftliche Forderungen nicht mit entsprechender Verantwortung verknüpft werden. Während hohe Standards eingefordert werden, bleiben Marktmechanismen, Preisgestaltung und Konsumverhalten weitgehend unverändert. Die Last der Umsetzung liegt bei den Betrieben, die Anerkennung bleibt abstrakt. Wertschätzung äußert sich selten in stabilen Erlösen oder langfristiger Planungssicherheit.

Politik zwischen Anspruch und Umsetzung

Politisch werden die Erwartungen an die Landwirtschaft häufig in Strategien, Programmen und Zielpapieren formuliert. In der praktischen Umsetzung fehlen jedoch oft verlässliche Rahmenbedingungen. Förderprogramme sind zeitlich befristet, bürokratisch komplex und unterliegen politischen Wechseln. Investitionsentscheidungen, die über Jahrzehnte wirken, stehen damit auf einem unsicheren Fundament. Planungssicherheit sieht anders aus.

In öffentlichen Debatten fungiert Landwirtschaft zunehmend als Projektionsfläche für gesellschaftliche Probleme. Klimawandel, Artenverlust oder Tierethik werden stark mit landwirtschaftlicher Praxis verknüpft, obwohl ihre Ursachen deutlich breiter liegen. Diese Fokussierung vereinfacht komplexe Zusammenhänge und verschiebt Verantwortung einseitig. Der Eindruck entsteht, Landwirtschaft müsse ausgleichen, was andere Bereiche nicht leisten.

Zwischen Idealbild und Realität

Das Bild von der Landwirtschaft ist häufig von romantischen Vorstellungen geprägt. Gleichzeitig wird sie technisch, effizient und störungsfrei erwartet. Die reale Landwirtschaft bewegt sich jedoch zwischen Wetterrisiken, Marktpreisen, Investitionszwängen und gesetzlichen Vorgaben. Die Diskrepanz zwischen Idealbild und betrieblicher Realität führt zu Frustration auf beiden Seiten – bei Verbraucherinnen und Verbrauchern ebenso wie bei den Betrieben.

Kein Wirtschaftsbereich kann unbegrenzt zusätzliche Aufgaben übernehmen, ohne dass sich dies auf Wirtschaftlichkeit und Struktur auswirkt. Wenn Landwirtschaft dauerhaft mehr leisten soll, ohne dass sich Marktbedingungen, Preise oder politische Prioritäten anpassen, entsteht ein strukturelles Ungleichgewicht. Dieses Ungleichgewicht zeigt sich in Betriebsaufgaben, fehlender Hofnachfolge und wachsender Distanz zwischen Anspruch und Machbarkeit.

Verantwortung klar benennen

Eine ehrliche Debatte über Landwirtschaft beginnt mit der Frage, wer welche Verantwortung trägt. Gesellschaftliche Ziele erfordern gesellschaftliche Beiträge. Politik muss Zielkonflikte offen benennen und priorisieren. Märkte müssen Leistungen abbilden, statt sie zu externalisieren. Landwirtschaft kann und will Teil der Lösung sein, aber nicht alleiniger Träger aller Erwartungen.

„Landwirtschaft soll …“ ist schnell gesagt. Entscheidend ist, was sie dafür darf, kann und verlässlich planen kann. Solange Erwartungen wachsen, ohne dass Rahmenbedingungen angepasst werden, entsteht Überforderung statt Transformation. Eine zukunftsfähige Landwirtschaft braucht weniger Forderungskataloge und mehr Konsistenz zwischen Anspruch, Markt und politischer Realität.

Grüße gehen raus ins Land und die Region.

Autor:

Redaktion Land und Region
Christian Kluge

Fotos: Kluge Kommunikation

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