05.01.2026 – land und region
Die Diskussion um „natürlich“ und „künstlich“ ist so alt wie unsere Sehnsucht nach dem Ursprünglichen. Besonders in der Landwirtschaft, Ernährung und Umweltpolitik wird der Gegensatz gerne bemüht: Natürlich gilt aber zunehmend als Problem und künstlich als heilsbringend, so einfach scheint es oft. Doch wer so denkt, vergisst die Realität dazwischen. Denn das Leben ist nicht schwarz und weiß, sondern voller Grautöne, Differenzierungen und Wechselwirkungen.
Lange Zeit galt die Natur als Maßstab. Als das, was es zu schützen, zu erhalten, zu respektieren gilt. Doch in vielen aktuellen Debatten scheint sich das Blatt zu wenden: Immer häufiger wird das Natürliche als problematisch dargestellt, während technische, synthetische oder industriell hergestellte Alternativen als modern, effizient oder gar „alternativlos“ gepriesen werden. Das wirft Fragen auf, nicht nur für Landwirtinnen und Landwirte, sondern für alle, die wissen, wo unser Essen herkommt.
Was ist eigentlich „natürlich“?
Wenn wir von Natur sprechen, meinen wir meist das Ursprüngliche, Unberührte. Doch diese Vorstellung ist längst überholt. Fast jede Landschaft in Mitteleuropa ist vom Menschen geprägt durch Bewirtschaftung, Beweidung, Rodung, Wiederaufforstung oder Urbanisierung. „Natur“ ist selten unbeeinflusst, sondern ein Mosaik aus ökologischen, kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklungen.
Auch Nutzpflanzen sind längst keine „natürlichen“ Arten mehr, sie wurden seit Jahrtausenden durch Züchtung verändert. Mais, Weizen, Apfel, Möhre allesamt das Ergebnis menschlicher Auswahl und gezielter Eingriffe.
Was ist eigentlich künstlich?
Wenn heute über „künstlich“ gesprochen wird, ist selten klar, was damit eigentlich gemeint ist. Denn der Begriff wird auffällig selektiv benutzt. Fleisch aus der Petrischale gilt als Zukunftstechnologie. Milchersatz aus industriell zerlegten Pflanzen als nachhaltige Lösung. Der Plastikweihnachtsbaum als klimafreundliche Alternative.
Alles hochverarbeitet, energieintensiv hergestellt, weit entfernt von natürlichen Kreisläufen und trotzdem gesellschaftlich akzeptiert, ja teilweise gefeiert. Gleichzeitig gelten Pflanzenschutzmittel pauschal als „Chemie“. Moderne Züchtungsverfahren wie CRISPR-Cas, die gezielt Eigenschaften verändern können, werden reflexartig als „unnatürlich“ oder „aus der Hölle“ gebrandmarkt, obwohl sie präziser, sicherer und kontrollierbarer sind als jede klassische Zufallszüchtung der letzten Jahrzehnte.
Beides ist künstlich. Der entscheidende Unterschied liegt nicht im Wort, sondern im Maß, im Zweck und im Umgang damit.
Moderne Pflanzenschutzstrategien und neue Züchtungsmethoden können Erträge sichern, den Einsatz von Ressourcen senken und Pflanzen widerstandsfähiger machen, gerade in Zeiten von Klimawandel, Trockenstress und neuen Krankheiten.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht: Natürlich oder künstlich? Sondern: Was hilft wirklich und was beruhigt nur das Gewissen? Wer künstlich dort akzeptiert, wo es ins eigene Weltbild passt, es aber dort verteufelt, wo es Landwirtschaft effizienter, sicherer und nachhaltiger machen könnte, betreibt keine Wissenschaft, sondern Ideologie.
Natürlich gewachsene Zusammenhänge werden durch technische Eingriffe ersetzt.
Dabei wird gern übersehen: Künstlich heißt nicht automatisch besser. Denn viele dieser „Lösungen“ basieren auf Energieeinsatz, Industrialisierung und globalen Rohstoffketten, nicht auf regionaler Kreislaufwirtschaft.
Natur stört. Weil sie nicht planbar ist?
Und dann heißt es immer wieder: „zu viele Tiere auf der Weide“, „zu viel Gülle im Boden“, „zu viele Kühe im Stall“, „zu viel Pflanzenschutz auf den Feldern“ so oder so ähnlich klingen viele Vorwürfe, die heute gegen die Landwirtschaft erhoben werden.
Die natürliche Tierhaltung wird problematisiert, während Laborfleisch und In-vitro-Eiweiß als Lösung gehandelt werden. Der Boden wird als Emissionsquelle bewertet, nicht als Lebensgrundlage. Wiesen und Weiden gelten als „nicht produktiv genug“ oder als CO₂-Quelle, wenn sie mal Moor waren, obwohl sie Biodiversität sichern und Futter liefern. Der Trend scheint klar: Die Natur passt nicht mehr ins Raster, sie ist zu unberechenbar, zu langsam, zu kompliziert.
Landwirtschaft zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Gerade die bäuerliche Landwirtschaft gerät dadurch unter Druck. Sie arbeitet mit Tieren, mit Pflanzen, mit Böden also mit Natur. Doch wer Natur zur Gefahr erklärt, erklärt indirekt auch diejenigen zum Problem, die mit ihr arbeiten.
Und plötzlich stehen jahrhundertealte Formen des Wirtschaftens unter Generalverdacht: Stallhaltung, Weidegang, Düngung, Ernte, Gülle, Wiederkäuer, alles irgendwie verdächtig. Das ist nicht nur ungerecht, sondern auch kurzsichtig. Denn diese Landwirtschaft trägt unsere Ernährung jeden Tag.
Künstlich ersetzt nicht Verantwortung
Natürlich hat sich auch die Landwirtschaft verändert. Sie nutzt Technik, sinnvoll, ressourcenschonend, fortschrittlich. Aber Technik sollte nicht die Natur ersetzen, sondern sie unterstützen. Wo das Gleichgewicht kippt, wo künstlich zur Ideologie wird und das Natürliche zur Zielscheibe, da müssen wir kritisch hinschauen.
Es darf nicht sein, dass „weniger Natur“ zur Lösung erklärt wird, während Betriebe, die im Kreislauf wirtschaften, durch immer mehr Auflagen, Einschränkungen und pauschale Kritik unter Druck geraten.
Nicht künstlich gegen natürlich, sondern mit Maß und Mitte
Natürlich ist nicht automatisch besser. Aber künstlich ist auch kein Freibrief. Wir brauchen eine ehrliche Debatte: Was wollen wir erhalten? Was wollen wir verändern? Und wie gelingt eine Landwirtschaft, die gleichzeitig ernährt, schützt und wirtschaftet?
Die Natur ist kein Gegner. Sie ist unser Partner. Und wer das vergisst, verliert mehr als nur den Boden unter den Füßen.
Grüße gehen raus ins Land und die Region.
Autor:
Redaktion Land und Region
Christian Kluge
Fotos: Kluge Kommunikation