11.09.2026 – land und region

Fibis kleines Naturlexikon: Spinnenfäden im Altweibersommer

An manchen Herbstmorgen scheint die ganze Landschaft mit feinen silbernen Fäden überzogen zu sein. Sie hängen zwischen Grashalmen, schweben durch die Luft und bleiben manchmal sogar an unserer Kleidung hängen.

Besonders schön kann man sie entdecken, wenn kleine Tautropfen daran sitzen und die Morgensonne darauf scheint. Doch wo kommen all diese Fäden plötzlich her? Die Antwort ist erstaunlich: Viele davon gehören zu einer ganz besonderen Reise kleiner Spinnen.

Was sind die Fäden des Altweibersommers?

Spinnen können mit ihren Spinnwarzen am Hinterleib sehr feine Seidenfäden herstellen. Diese Fäden können ganz unterschiedliche Aufgaben haben.

Manche Spinnen bauen daraus Fangnetze. Andere nutzen Seide zum Schutz ihrer Eier oder als Sicherheitsfaden beim Klettern. Und einige kleine Spinnen verwenden besonders feine Fäden sogar, um sich durch die Luft fortzubewegen.

Dieses Verhalten wird häufig „Ballooning“ genannt.

Dafür klettert eine Spinne beispielsweise auf einen Grashalm, einen Zweig oder eine andere erhöhte Stelle. Dort gibt sie feine Seidenfäden in die Luft ab. Unter geeigneten Bedingungen können die Fäden die kleine Spinne schließlich mitnehmen.

Die Spinne reist also nicht in einem Ballon. Ihr Seidenfaden wird gewissermaßen zu ihrem Fluggerät.

Wer hängt an diesen Fäden?

Besonders häufig nutzen kleine und junge Spinnen diese Art der Fortbewegung. Das hat einen guten Grund. Wenn viele Jungspinnen an derselben Stelle bleiben würden, müssten sie sich dort Nahrung und Lebensraum teilen.

Mit ihren Flugfäden können sie sich dagegen in der Landschaft verteilen und neue Lebensräume erreichen. Vor allem kleine Baldachinspinnen werden mit den typischen Flugfäden des Altweibersommers in Verbindung gebracht.

Wie können Spinnen überhaupt fliegen?

Eine Spinne besitzt natürlich keine Flügel. Sie wartet deshalb auf geeignete Bedingungen, klettert auf eine erhöhte Stelle und gibt ihre feinen Seidenfäden ab.

Lange Zeit wurde dieses Verhalten vor allem mit Luftbewegungen erklärt. Forschungen zeigen inzwischen, dass die Sache noch spannender ist: Neben Wind und aufsteigender Luft können auch elektrische Felder in der Atmosphäre dazu beitragen, dass Spinnen mit ihren Fäden abheben.

Die Spinne selbst bleibt dabei an ihrem Seidenfaden hängen und lässt sich tragen.

Je nach Wetterbedingungen kann eine solche Reise ganz unterschiedlich verlaufen. Manchmal landet die Spinne schon ganz in der Nähe. Unter günstigen Bedingungen können Spinnen auf diese Weise aber auch erstaunlich große Entfernungen überwinden.

Warum sehen wir die Fäden besonders im Altweibersommer?

Spinnen gibt es natürlich nicht nur im Herbst.

Doch im Spätsommer und Frühherbst treffen mehrere Dinge zusammen. Viele junge Spinnen sind unterwegs und verbreiten sich mit ihren Fäden. Gleichzeitig gibt es während ruhiger Schönwetterphasen häufig geeignete Bedingungen für ihre Reisen.

Und dann kommt am frühen Morgen noch etwas hinzu: Tau. Die winzigen Wassertröpfchen setzen sich auf Spinnfäden und Netze. Dadurch werden Gebilde sichtbar, die wir sonst vielleicht überhaupt nicht bemerkt hätten.

Wenn anschließend die tief stehende Morgensonne darauf scheint, glitzern die feinen Fäden besonders stark.

Woher kommt der Name „Altweibersommer“?

Der ungewöhnliche Name ist sehr alt, und zu seiner Herkunft gibt es verschiedene Erklärungen.

Eine verbreitete Deutung bringt ihn mit den silbrig schimmernden Spinnenfäden in Verbindung, die im Herbst durch die Luft schweben. Sie erinnerten die Menschen früher offenbar an lange graue oder weiße Haare.

Ganz eindeutig geklärt ist die Herkunft des Wortes allerdings nicht. Deshalb sollten wir diese Erklärung nicht als gesicherte Tatsache erzählen, sondern als eine der bekannten Deutungen.

Warum sind Spinnen wichtig?

Die kleinen Flugfäden sind nur ein winziger Ausschnitt aus dem Leben der Spinnen. Spinnen sind wichtige Jäger. Sie ernähren sich von vielen anderen kleinen Tieren und vor allem von Insekten. Damit gehören sie zu den natürlichen Räubern in Wiesen, Hecken, Gärten, Wäldern und auf landwirtschaftlichen Flächen.

Und ihre Seide ist ein erstaunlich vielseitiges Werkzeug. Je nach Spinnenart und Aufgabe wird sie zum Fangnetz, Sicherheitsfaden, Eierschutz oder eben zum Transportmittel. Ein Spinnenfaden ist deshalb viel mehr als einfach nur ein dünner Faden.

Landwirtschaft & Spinnenfäden

Auch auf Wiesen, an Feldrändern, in Hecken und zwischen Pflanzen auf Äckern leben zahlreiche Spinnen.

Gerade strukturreiche Bereiche wie Feldraine und Hecken bieten vielen kleinen Tieren Lebensräume und Rückzugsmöglichkeiten. Spinnen gehören zu diesem Geflecht aus Pflanzen, Beutetieren und Räubern.

Für die Landwirtschaft sind Spinnen deshalb interessante Nützlinge: Als Räuber fangen sie unter anderem zahlreiche Insekten und können so zur natürlichen Regulation anderer Tierarten beitragen.

Die Fäden des Altweibersommers zeigen uns dabei etwas, das wir sonst leicht übersehen: Auch über einem Acker oder einer Wiese findet ständig Bewegung statt. Kleine Tiere können neue Lebensräume erreichen, ohne dass wir ihre Reise überhaupt bemerken.

Schon gewusst?

Spinnen brauchen keine Flügel zum Fliegen: Manche kleinen Spinnen reisen an selbst produzierten Seidenfäden durch die Luft.

Der Fachbegriff heißt Ballooning: Damit wird die Ausbreitung von Spinnen mithilfe ihrer Fäden durch die Luft bezeichnet.

Nicht jeder Spinnenfaden ist ein Fangnetz: Spinnenseide wird je nach Art und Situation für ganz unterschiedliche Aufgaben genutzt.

Tau macht Unsichtbares sichtbar: An kühlen Morgen setzen sich winzige Wassertropfen auf die feinen Fäden. Deshalb können wir sie dann besonders gut entdecken.

Fibis Entdeckertipp

Für dieses Naturphänomen lohnt es sich, früh aufzustehen.

Geht an einem ruhigen Morgen im Spätsommer oder Frühherbst nach draußen und schaut euch Wiesen, Hecken und Wegränder genau an. Besonders nach einer kühlen Nacht können Tautropfen unzählige Spinnfäden sichtbar machen.

Manchmal hängen sie zwischen zwei Grashalmen. Manchmal schweben einzelne Fäden durch die Luft. Und vielleicht bleibt sogar einer an eurer Jacke hängen.

Schaut ihn euch einmal ganz genau an – aber versucht, Netze mit einer Spinne darin nicht zu beschädigen.

Denn was für uns nur wie ein hauchdünner Faden aussieht, kann für eine winzige Spinne der Beginn einer Reise in einen neuen Lebensraum sein.

Und denkt dran: Fragen stellen ist schlau und rausgehen sowieso!

Autor:

Redaktion Land und Region
Christian Kluge

Fotos: Kluge Kommunikation

DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner