02.10.2026 – land und region
Im Herbst kann man manchmal etwas Erstaunliches am Himmel beobachten: Plötzlich ziehen große Vogelschwärme über uns hinweg. Kraniche fliegen in langen Formationen, Gänse rufen laut aus der Luft und viele kleine Singvögel sind sogar nachts unterwegs, ohne dass wir ihre Reise überhaupt bemerken.
Aber woher wissen die Vögel eigentlich, dass jetzt die richtige Zeit zum Losfliegen ist? Schaut ein Vogel morgens auf den Kalender und denkt: „Oh, Oktober. Ich muss los“?
Natürlich nicht.
Und trotzdem besitzen viele Zugvögel etwas, das fast genauso erstaunlich ist: eine innere Uhr und ein angeborenes Zugprogramm.
Was ist eigentlich Vogelzug?
Vogelzug bedeutet, dass Vögel regelmäßig zwischen verschiedenen Gebieten wandern.
Viele Arten verbringen den Frühling und Sommer bei uns, brüten hier und ziehen ihre Jungen groß. Wenn sich das Jahr dem Winter nähert, verlassen sie ihre Brutgebiete und fliegen in Regionen, in denen sie während dieser Jahreszeit bessere Lebensbedingungen finden.
Dabei ziehen aber längst nicht alle Vögel gleich weit.
Langstreckenzieher können Tausende Kilometer zurücklegen und beispielsweise bis nach Afrika fliegen. Andere Arten sind Kurzstreckenzieher und bleiben innerhalb Europas. Und dann gibt es Teilzieher: Bei ihnen ziehen nur Teile einer Population fort, während andere Tiere bleiben.
Vogelzug ist also nicht eine einzige große Reise, die alle Vögel gemeinsam unternehmen. Jede Art hat ihre eigene Strategie.
Warum fliegen Vögel überhaupt weg?
Man könnte denken, dass Vögel hauptsächlich vor der Kälte fliehen. Doch so einfach ist es nicht.
Ein ganz wichtiger Grund ist die Nahrung. Besonders Vögel, die viele Insekten fressen, finden bei uns im Winter deutlich weniger davon. Auch Samen und andere Nahrungsquellen können schwieriger erreichbar werden.
In ihren Winterquartieren finden Zugvögel während dieser Zeit bessere Bedingungen. Im Frühjahr lohnt sich dagegen die Rückreise nach Norden. Dann gibt es hier wieder reichlich Nahrung, und die langen Tage bieten viel Zeit, um Futter zu suchen und Junge aufzuziehen.
Woher weiß ein Vogel, wann es Zeit wird?
Jetzt wird es besonders spannend. Viele Zugvögel besitzen ein angeborenes Zeitprogramm. Untersuchungen zeigen, dass wichtige Teile des Zugverhaltens genetisch festgelegt sind.
Das betrifft nicht nur die ungefähre Zeit des Aufbruchs. Bei verschiedenen Arten sind auch Zugrichtung und Teile des Zugprogramms angeboren. Ein junger Vogel muss deshalb nicht unbedingt erst von seinen Eltern erklärt bekommen: „Wenn der Herbst kommt, fliegst du dort entlang.“
Bei manchen Arten können Jungvögel ihre erste große Reise sogar ohne ihre Eltern antreten.
Welche Rolle spielt die Tageslänge?
Vögel können wahrnehmen, dass sich die Länge der Tage verändert. Im Spätsommer und Herbst werden die Tage bei uns immer kürzer. Im Frühjahr werden sie wieder länger.
Diese regelmäßigen Veränderungen liefern einen sehr zuverlässigen Hinweis auf die Jahreszeit. Die Tageslänge spielt deshalb eine wichtige Rolle im jahreszeitlichen Rhythmus vieler Vögel und steht auch mit dem Zugverhalten in Zusammenhang.
Das ist ziemlich praktisch.
Denn ob ein einzelner Septembertag warm oder kalt ist, kann sich schnell ändern. Die Tage werden im Herbst aber trotzdem zuverlässig kürzer.
Was ist die Zugunruhe?
Wenn die Reisezeit näher kommt, verändert sich bei Zugvögeln sogar das Verhalten. Forscher beobachten bei vielen Arten eine sogenannte Zugunruhe.
Vögel, die normalerweise ruhig wären, werden während ihrer Zugzeit plötzlich besonders aktiv. Dieses Verhalten lässt sich sogar bei Zugvögeln beobachten, die nicht einfach losfliegen können.
Das zeigt, wie tief das Zugprogramm im Vogel verankert ist.
Gleichzeitig bereitet sich der Körper auf die anstrengende Reise vor. Viele Zugvögel fressen vor dem Aufbruch besonders viel und legen Fettreserven an. Dieses Fett ist für sie kein unnötiger Winterspeck, sondern Treibstoff für eine Reise, die manchmal Tausende Kilometer lang ist.
Fliegen alle Vögel an einem bestimmten Tag los?
Nein. Die innere Uhr gibt den Vögeln gewissermaßen einen Zeitraum vor, in dem die Reise ansteht. Wann tatsächlich gestartet oder weitergezogen wird, kann zusätzlich von den Bedingungen abhängen.
Wetter und Wind spielen dabei eine wichtige Rolle. Auch die körperliche Verfassung eines Vogels und sein Energievorrat beeinflussen die Reise.
Deshalb fliegen nicht alle Tiere einer Art gleichzeitig an einem einzigen Morgen los. Und deshalb kann sich Vogelzug von Jahr zu Jahr etwas unterschiedlich beobachten lassen.
Woher wissen Vögel, wohin sie fliegen müssen?
Zu wissen, wann man losfliegen muss, reicht natürlich noch nicht. Man muss auch wissen, wohin. Und dafür besitzen Vögel gleich mehrere Orientierungshilfen.
Viele Zugvögel können das Magnetfeld der Erde wahrnehmen und es wie einen inneren Kompass nutzen. Je nach Vogelart helfen außerdem die Sonne, der Sternenhimmel und auffällige Landschaftsstrukturen wie Küsten, Flüsse oder Gebirge bei der Orientierung. Auch Gerüche können bei manchen Arten eine Rolle spielen.
Das Faszinierende daran: Die Vögel verlassen sich nicht unbedingt nur auf ein einziges Navigationssystem. Fällt eine Orientierungshilfe aus, können andere Hinweise helfen.
Ein Zugvogel trägt also gewissermaßen mehrere Navigationssysteme mit sich herum.
Lernen junge Vögel den Weg von ihren Eltern?
Das kommt auf die Vogelart an. Bei manchen Arten spielt Erfahrung eine wichtige Rolle und junge Tiere können von älteren lernen. Bei anderen Arten ist erstaunlich viel bereits angeboren. Untersuchungen an Zugvögeln zeigen, dass sowohl die Zugrichtung als auch das zeitliche Zugprogramm eine genetische Grundlage besitzen können.
Das bedeutet: Ein Jungvogel kann auf seiner ersten Reise in eine Richtung fliegen, obwohl er den Weg vorher noch nie zurückgelegt hat. Später kommt Erfahrung hinzu. Vögel können geeignete Rastplätze und Landschaftsmerkmale kennenlernen und ihre Navigation weiter verbessern.
Warum fliegen manche Vögel in einer V-Formation?
Besonders bei Gänsen und Kranichen fällt uns Vogelzug sofort auf, weil sie häufig in auffälligen Formationen unterwegs sind. Die schräg versetzten Vögel können dabei von den Luftbewegungen profitieren, die durch die Flügelschläge des vorausfliegenden Vogels entstehen. Das kann helfen, Energie zu sparen.
Aber Vorsicht: Nicht alle Zugvögel fliegen so.
Viele Singvögel ziehen einzeln oder in lockeren Gruppen. Zahlreiche Arten sind sogar nachts unterwegs. Deshalb findet über unseren Köpfen manchmal ein gewaltiger Vogelzug statt, obwohl wir am Himmel kaum etwas davon sehen.
Natur, Landwirtschaft & Vogelzug
Landwirtschaftliche Flächen können für ziehende Vögel wichtige Rast- und Nahrungsräume sein.
Wiesen, Äcker, Feuchtgrünland, Hecken und Feldränder bieten je nach Vogelart unterschiedliche Nahrungsquellen und Möglichkeiten zum Rasten. Gerade während einer langen Reise sind solche Zwischenstopps wichtig: Hier können Vögel fressen und neue Energiereserven für die nächste Etappe aufbauen.
Dabei zeigt der Vogelzug besonders schön, dass Lebensräume nicht isoliert voneinander betrachtet werden können. Ein Vogel kann im Norden Europas brüten, bei uns auf einer Wiese oder einem Acker rasten und viele Wochen später Tausende Kilometer entfernt überwintern.
Für den Vogel gehören all diese Orte zu einem einzigen Lebensraum-Netzwerk.
Schon gewusst?
Der Kalender steckt gewissermaßen im Vogel: Zeitpunkt, Richtung und Dauer des Zuges haben bei vielen Arten eine genetische Grundlage.
Vögel werden zugunruhig: Wenn ihre Reisezeit näher kommt, zeigen viele Zugvögel eine typische erhöhte Aktivität.
Viele reisen nachts: Gerade zahlreiche kleine Singvögel ziehen im Schutz der Dunkelheit. Deshalb bekommen wir einen großen Teil des Vogelzugs überhaupt nicht mit.
Die Erde ist ihr Kompass: Zugvögel können sich am Magnetfeld unseres Planeten orientieren.
Sonne und Sterne helfen ebenfalls: Je nach Art können Vögel den Sonnenstand oder den Sternenhimmel zur Orientierung nutzen.
Herbstzug dauert Monate: Der Wegzug unserer Brutvögel beginnt bei manchen Arten bereits im Juli und kann sich bis in den Dezember hineinziehen. Besonders auffällig ist der sichtbare Vogelzug bei uns häufig im September und Oktober
Fibis Entdeckertipp
Für dieses Thema müsst ihr eigentlich nur eines tun: Schaut nach oben.
Besonders im Herbst lohnt sich das immer wieder.
Vielleicht entdeckt ihr eine große Formation von Kranichen oder Gänsen. Vielleicht hört ihr zuerst ihre Rufe und findet die Vögel erst danach am Himmel.
Und wenn ihr einmal gar nichts seht, heißt das noch lange nicht, dass über euch niemand unterwegs ist. Vielleicht fliegt gerade ein kleiner Singvogel durch die Nacht und folgt einem Reiseplan, den er nie auf einer Karte gesehen hat.
Wenn ihr einen großen Schwarm entdeckt, beobachtet einmal, in welche Richtung er fliegt und welche Formation die Vögel bilden.
Denn über unseren Köpfen beginnt jedes Jahr eine der erstaunlichsten Reisen der Natur.
Und viele ihrer Reisenden wissen schon beim allerersten Mal, wann sie aufbrechen und in welche Richtung sie fliegen müssen.
Und denkt dran: Fragen stellen ist schlau und rausgehen sowieso!
Autor:
Redaktion Land und Region
Christian Kluge
Fotos: Kluge Kommunikation