04.10.2026 – land und region
So, heute reden wir über Erntedank. Da werden Altäre geschmückt. Erntekronen gebunden. Getreide, Obst und Gemüse hübsch drapiert. Sieht schön aus. Kann man ein Foto von machen. Kurz dankbar gucken. Und Montag wieder vergessen, wo das Zeug eigentlich herkommt.
Nur: Warum machen wir das eigentlich? Früher war die Antwort ziemlich einfach. Eine gute Ernte bedeutete Versorgung. Sicherheit. Genug zu essen. Und eine schlechte Ernte konnte bedeuten, dass es verdammt eng wurde. Deshalb hat man für die Ernte gedankt.
Heute ist das irgendwie schwieriger geworden. Nicht das Danken. Ja, das auch. Das beherrschen heute ja viele auch nicht mehr. Ich meine das Verstehen. Denn wir gehen in einen Supermarkt und da liegt einfach alles. Brot. Kartoffeln. Milch. Fleisch. Obst. Gemüse. Immer. Und wenn der Brokkoli fehlt, ist inzwischen nicht die Versorgung gefährdet. Dann ist erst mal der Marktleiter schuld.
Das ist natürlich ziemlich komfortabel. Volle Regale sind aber nicht der Normalzustand der Natur. Sie sind das Ergebnis davon, dass Landwirtschaft funktioniert. Lebensmittel brauchen immer noch Boden. Wasser. Wetter. Wissen. Technik. Arbeit. Und Menschen, die bereit sind, das wirtschaftliche Risiko dafür zu tragen. Lebensmittel wachsen nämlich nicht im Supermarkt nach. Auch wenn das Versorgungssystem inzwischen beeindruckend gut darin ist, genau diesen Eindruck zu vermitteln.
Der Unterschied zu früher ist nicht, dass wir diese Voraussetzungen nicht mehr brauchen. Der Unterschied ist, dass wir sie im Supermarkt nicht mehr sehen. Und genau deshalb ist Erntedank auch kein nostalgischer Feiertag für Landwirte, Kirchen und Menschen, die einfach gerne Getreide irgendwo dranhängen.
Erntedank geht uns alle an. Denn Dankbarkeit für Lebensmittel bedeutet auch Verantwortung dafür, dass sie morgen noch erzeugt werden können. Und da wird es plötzlich ein bisschen unbequemer. Wer heimische Landwirtschaft will, muss politisch auch Bedingungen schaffen, unter denen heimische Landwirtschaft funktionieren kann. Und wer regionale Lebensmittel wichtig findet, muss sie im Laden auch kaufen.
Regionalität in der Sonntagsrede und Weltmarktpreis am Montag funktioniert nämlich nicht. Weder in der Politik noch an der Supermarktkasse.
Und wenn eine Erntekrone an die Politik übergeben wird, dann ist sie deshalb mehr als hübsch gebundenes Getreide. Sie ist kein Dekoelement. Sie ist ein Statement. Sie ist ein Forderungskatalog. Und manchmal ist sie auch der Hilfeschrei einer ganzen Branche.
Ob das jetzt alle verstehen?
Aber wahrscheinlich nicht.
Autor:
Redaktion Land und Region
Christian Kluge
Fotos: Kluge Kommunikation