12.10.2026 – land und region
In der Landwirtschaft reden wir gern über Menschen, die anpacken. Die morgens früh aufstehen, Entscheidungen treffen, Probleme lösen und abends noch einmal nach den Tieren sehen. Ich kenne und schätze diese Haltung.
Aber ich frage mich, was passiert, wenn einer dieser Menschen nicht mehr kann. Wer merkt es? Und darf er es überhaupt sagen, ohne sich dafür zu schämen?
Ich kenne wirtschaftliche Existenzangst. Nicht vom Hörensagen. Ich weiß, wie es ist, tagsüber weiterzumachen und nachts allein mit der Frage dazusitzen, ob man sein Leben und seine Familie noch tragen kann. Ich bin kein Therapeut. Aber ich kenne diese Angst und will über das sprechen, worüber wir viel zu oft schweigen.
Von außen sieht man meistens nur, dass jemand funktioniert. Der Betrieb läuft. Die Termine werden eingehalten. Vielleicht macht derjenige sogar noch einen Witz. Was nachts in seinem Kopf los ist, sieht niemand.
Das betrifft Menschen in allen Berufen. Keiner hat ein Anrecht auf mehr Verständnis, weil seine Arbeit besonders hart aussieht. Und keiner muss erst beweisen, dass seine Angst groß genug ist, um Hilfe zu verdienen. Not braucht keine Berechtigung und keinen Vergleich.
Auf einem Hof kann eine Krise allerdings eine besondere Wucht bekommen. Betrieb und Zuhause liegen oft am selben Ort. Die Familie lebt von dem, was der Hof erwirtschaftet. Eltern und Großeltern haben ihn vor einem geführt. Vielleicht soll man ihn eines Tages an die eigenen Kinder weitergeben.
Wenn dieser Betrieb in Schwierigkeiten gerät, geht es deshalb um mehr als eine Bilanz. Es kann sich anfühlen, als stünde die ganze Geschichte der Familie auf dem Spiel. Und als wäre man selbst derjenige, bei dem sie endet. Dieses Gefühl kann da sein, auch wenn man für die Ursachen gar nichts kann.
Die Arbeit hält währenddessen nicht an. Die Tiere brauchen Versorgung. Das Wetter wartet nicht. Die Bank auch nicht. Also macht man weiter. Oft länger, als es einem guttut.
Wir hören sofort hin, wenn eine Maschine anders klingt als sonst. Bei Menschen sind wir weniger aufmerksam. Einer wird stiller, zieht sich zurück oder sagt zum dritten Mal, es gehe schon irgendwie. Und wir nehmen ihn beim Wort, weil wir selbst nicht wissen, wie wir fragen sollen.
Vielleicht fangen wir genau damit an. Nicht nur: „Läuft der Betrieb?“ Sondern: „Wie geht es dir?“ Und dann bleiben wir stehen und hören uns die Antwort an. Auch wenn sie schwer ist. Auch wenn wir das Problem nicht selbst lösen können.
Wer sagt „Ich kann nicht mehr“, hat nicht versagt. Wer Hilfe sucht, gibt seine Verantwortung nicht ab. Er nimmt sich und seine Lage ernst. Das sollte in einer Branche, die so viel von Verantwortung versteht, selbstverständlich sein.
Und wenn jemand keinen Ausweg mehr sieht, dürfen wir das nicht mit einem aufmunternden Spruch abtun. Dann braucht dieser Mensch Unterstützung. Jetzt. Ein Gespräch kann der Anfang sein. Professionelle Hilfe muss dazukommen.
Ich wünsche mir, dass wir über psychische Krisen genauso offen sprechen können wie über eine schlechte Ernte oder eine kaputte Maschine. Ohne Urteil. Ohne Rangliste des Leidens. Und ohne von dem Menschen zu verlangen, dass er erst wieder funktioniert, bevor wir ihm zuhören.
Wir dürfen nicht erst nach dem Menschen fragen, wenn sein Platz auf dem Hof leer ist.
Christian Kluge
Hilfe in einer Krise
SVLFG-Krisenhotline: 0561 785-10101
TelefonSeelsorge: 116 123
Im Notfall: 112
Autor:
Redaktion Land und Region
Christian Kluge
Fotos: Kluge Kommunikation