30.09.2026 – land und region

So, heute reden wir über eine gesellschaftliche Randgruppe. Eine wirklich kleine. Zu ihr gehören gerade einmal 57 Prozent der Menschen in Deutschland. Sie lebt auf lächerlichen 91 Prozent der Landesfläche und erwirtschaftet knapp die Hälfte unserer Wirtschaftsleistung.

Also wirklich kaum der Rede wert. Gemeint ist der ländliche Raum. Ja. Randgruppe.

Muss man nur überzeugend genug sagen. Dann fällt vielleicht gar nicht auf, dass man gerade über mehr als die Hälfte der Bevölkerung gesprochen hat. Aber worum geht es heute eigentlich?

Es geht darum, wie wir auf Deutschland gucken. Und vor allem darum, wie wir auf den ländlichen Raum gucken. Und falls das gerade zwischen all den lächerlich kleinen Zahlen untergegangen ist, noch einmal ganz langsam: 57 Prozent der Menschen. 91 Prozent der Fläche. Keine Randgruppe. Kein Randgebiet.

Trotzdem reden wir über den ländlichen Raum manchmal, als wäre das einfach die Transitstrecke, die man möglichst zügig und am besten ohne Geschwindigkeitsbegrenzung zurücklegt, um von einem wichtigen Ort zum nächsten zu kommen. Links ein paar Kühe. Rechts ein Windrad. Zwischendurch schlechter Empfang. Aber keine Sorge. Das richtige Deutschland kommt gleich wieder.

Aber gebraucht wird dieser Raum natürlich schon. Da kann schließlich alles hin, wofür man Platz braucht. Vor allem, wenn man selbst nicht dort wohnt. Windräder. Photovoltaik. Stromleitungen. Straßen. Gewerbe. Logistikzentren. Praktisch, dieses Land.

Nur eine Frage zum Verständnis: Wenn dort die Lebensadern dieses Landes verlaufen, warum ist es dann plötzlich nicht mehr so wichtig, dass dort auch die Lebensadern der Menschen funktionieren? Und nein: „Strukturelle Herausforderungen“ ist keine Erklärung. Das gibt nur Extrapunkte beim politischen Bullshit-Bingo.

Und nein, es geht hier nicht darum, Beef zwischen Stadt und Land zu schüren oder irgendwelche Gräben noch tiefer zu buddeln. Es geht um den Blick darauf. Um einen Perspektivwechsel. Der ländliche Raum ist für Deutschland ungefähr das, was der Maschinenraum für ein Kreuzfahrtschiff ist. Vom Sonnendeck sieht man ihn selten. Aber wehe, dort unten hört etwas auf zu arbeiten.

Städte und ländliche Räume brauchen einander. Vollkommen überraschend, ich weiß. Es gibt kein Entweder-oder. Es gibt nur ein Sowohl-als-auch. Oder anders gesagt: Es gibt nur ein Wir. Die spannende Frage ist nur, warum sich die politische und gesellschaftliche Aufmerksamkeit manchmal so verteilt, als beginne das relevante Deutschland erst dort, wo die U-Bahn fährt.

91 Prozent der Fläche sind kein Hinterland. Das ist Deutschland. Und die Städte liegen mittendrin. Und deshalb geht es am Ende auch gar nicht darum, dass überall alles gleich sein muss. Das wäre ziemlich bescheuert. Aber gleichwertige Bedingungen für ein gutes Leben? Die darf man schon erwarten.

Eine Kita. Eine Schule. Ein Arzt. Pflege. Einkaufsmöglichkeiten. Mobilität. Internet, das nicht bei jedem zweiten Baum um Erlaubnis fragt. Und ja: Auch bezahlbarer Sprit gehört dazu, wenn das Auto eben nicht Luxus, sondern notwendige Mobilität ist.

Das sind keine Sonderwünsche einer kleinen Randgruppe. Wir reden über 57 Prozent der Menschen. Die sind mitten in Deutschland. Vielleicht sollten wir also aufhören, den ländlichen Raum wie eine Restrampe zu behandeln. Für alles gut genug, was irgendwo hinmuss. Aber bitte nicht so viele Ansprüche stellen.

Das ist mathematisch gar nicht so kompliziert. Eigentlich ziemlich einfach.

Aber wahrscheinlich nicht.

Autor:

Redaktion Land und Region
Christian Kluge

Fotos: Kluge Kommunikation

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