21.06.2026 – land und region
So, ich habe diese Woche eine Geschichte gesehen. Und an euch ist sie vermutlich auch nicht vorbeigegangen. Eine Geschichte, die perfekt erklärt, wie wir inzwischen über Natur diskutieren. Nein. Der Wal ist nicht zurück. Es geht um einen Geier. Der hat ein Storchennest leergefressen. Frei nach dem Motto: All you can eat.
Und sofort war in den Kommentaren klar: Der Schuldige ist der Geier. Der gefiederte Schwerverbrecher. Der Endgegner der Artenvielfalt. Wenn dieser Geier einen TikTok-Kanal hätte, wäre er inzwischen komplett erledigt. Der hätte den Shitstorm des Todes.
Aber der Vogel hat doch im Wesentlichen nur das gemacht, was Geier halt so tun. Eben Geiersachen. Zugegeben: Neu war vielleicht, dass er diesmal Frischware bevorzugt hat. Wo Geier doch normalerweise eher für die gut abgehangene Küche bekannt sind.
Ich behaupte jetzt mal: Vor zwei Wochen hätten sich vermutlich dieselben Menschen noch darüber gefreut, dass wieder Geier durch Deutschland fliegen. „Wie schön.“ „Wie wichtig für die Biodiversität.“ Der Geier wäre praktisch der neue Influencer der Artenvielfalt. Naturschutz mit Flügeln. Der Hoffnungsträger der Lüfte für das Ökosystem.
Dann frisst er ein Storchennest leer. Und plötzlich wird aus dem Hoffnungsträger des Naturschutzes innerhalb von 24 Stunden der Endgegner von Bambi. Gestern noch Artenschützer. Heute Kriegsverbrecher. Morgen vermutlich Hausverbot im Nationalpark.
Aber jetzt reden wir mal kurz über den Storch. Weiß. Elegant. Klappert niedlich. Bringt angeblich Babys. Der Storch ist praktisch der Top-Influencer unter den Wildtieren. Mit den meisten Kooperationen. Wenn man die tausenden Nesthilfen mal mitzählt. Der Vogel hat ein eigenes Immobilienförderprogramm.
Für Maus, Kröte und Insekten sieht die Geschichte allerdings etwas anders aus. Und ein Hasenjunges würde die Google-Bewertung vermutlich ebenfalls deutlich schlechter ausfallen lassen. Denn der Storch ist kein veganer Landschaftspfleger. Der Storch ist eine fliegende Fressmaschine.
Warum machen wir aus manchen Tieren Helden und aus anderen Täter? Warum feiern wir den Jäger, solange er etwas frisst, das wir nicht für so wichtig ansehen? Und warum beginnt plötzlich die Empörung, sobald das Opfer grußkartetauglich ist?
Natur ist kein Pixar Film. Da gibt es Jäger. Gejagte. Und manchmal muss auch bejagt werden. Vielleicht sollten wir endlich aufhören, Natur danach zu bewerten, welches Tier wir gerade niedlicher finden.
Aber wahrscheinlich nicht.
Autor:
Redaktion Land und Region
Christian Kluge
Fotos: Kluge Kommunikation