11.02.2026 – land und region
So, heute reden wir über dieses unausgesprochene Naturgesetz: Wenn irgendwas schiefläuft – Landwirtschaft ist schuld. Das ist inzwischen so zuverlässig wie Regen wenn du grillen willst. Kaum fällt irgendwo ein Problem vom Himmel, steht der Täter schon fest. Diskussion erledigt, Urteil gesprochen.
Und sobald die Realität komplizierter wird, wird es plötzlich erstaunlich ruhig. Bestes Beispiel: Glyphosat. Wir haben am Sonntag darüber gesprochen. Unser eigener Alltag mischt offenbar kräftig mit. Waschmaschine statt Acker. Und auf einmal klingt die Debatte wie eine Party, bei der plötzlich das Licht angeht, schlagartig still. Komplexität verkauft sich eben schlechter als ein sauberer Schuldiger.
Beispiel 2: jedes Frühjahr stehen Landwirte und freiwillige Helfer um vier Uhr morgens auf. Drohnen in der Luft. Suchketten im Feld. Ehrenamt. Alles, um Rehkitze vor dem Mähtod zu retten. Stundenlang. Kostenlos. Freiwillig. Und trotzdem heißt es zuverlässig jedes Jahr: „Den Bauern sind die Rehkitze völlig egal.“ Interessant ist nur: Wo ist diese Empörung im Herbst, wenn Rehe dutzendweise auf unseren Straßen kleben? Ist das dann akzeptabler Kollateralschaden, weil wir alle Auto fahren und irgendwo hinmüssen? Das klingt nach Tierschutz nach Dienstplan: Empörung nur werktags.
Oder nehmen wir die Weidehaltung. Alle wollen Tiere draußen. Grüne Wiesen. Romantisches Bild. Glückliche Kühe. Stallhaltung wird schnell zum Symbol für alles, was angeblich falsch läuft. Aber wenn der Wolf auf der Weide zuschlägt, heißt es plötzlich: Natur eben. Das Tier steht da, wird gerissen und die Diskussion klingt ungefähr wie: „Selbst schuld, warum ist es auch draußen?“ Das ist Tierwohl mit Sternchen: Gilt nur bis der Mainstream die Richtung wechselt.
Und dann das Insektensterben. Große Schlagzeilen, große Sorgen, und reflexartig zeigt der Finger wieder Richtung Acker. Gleichzeitig verschwinden täglich Flächen unter Beton, Asphalt und Vorgärten aus Kies. Lebensräume weg – dauerhaft. Aber darüber reden wir deutlich leiser.
Der Punkt ist: Es geht nicht darum, verantwortung wegzuschieben. Landwirtschaft ist ein komplexes System aus Wirtschaft, Tierwohl, Ökologie, und gesellschaftlichen Erwartungen. Wer Lösungen will, muss Widersprüche aushalten. Doppelmoral bringt keinen Fortschritt. Sie bringt Frust und Fronten.
Wir reden gern über Landwirtschaft, wenn es um Probleme geht. Seltener über unseren eigenen Anteil daran. Wer wirklich Lösungen will, muss genauer hinschauen, auch dann, wenn es unbequem wird. Ob das allen gefällt, die lieber einfache Antworten hören als komplizierte Wahrheiten?
Aber wahrscheinlich nicht.
Autor:
Redaktion Land und Region
Christian Kluge
Fotos: Kluge Kommunikation