21.06.2026 – land und region

Es gibt Bilder, die lösen sofort Gefühle aus. Ein Geier sitzt in einem Storchennest. Die Jungvögel sind tot. Die Storcheneltern stehen daneben und können nichts tun.

Viele Menschen reagieren darauf mit Entsetzen. Das ist nachvollziehbar. Mir geht es in Teilen nicht anders. Auch ich finde diesen Anblick nicht schön. Trotzdem lohnt es sich, einen Moment länger hinzuschauen. Denn genau hier beginnt oft ein Problem unserer heutigen Naturdebatte.

Wir bewerten Natur häufig nach Sympathie.

Der Storch ist beliebt. Er gilt als Glücksbringer, Frühlingsbote und Symbol für eine intakte Landschaft. Der Geier dagegen wirkt auf viele Menschen bedrohlich oder unsympathisch. Also ist die Rollenverteilung schnell klar: Hier das Opfer, dort der Täter.

Nur funktioniert Natur nicht so.

Der Geier handelt nicht böse. Er handelt als Geier. Und der Storch handelt auch nicht gut. Er handelt als Storch.

Wer einmal beobachtet hat, was Störche auf Wiesen, Äckern und Weiden fressen, weiß das. Mäuse, Frösche, Kröten, sogar junge Hasen und vieles mehr stehen auf ihrem Speiseplan. Um ihre eigenen Jungen großzuziehen, müssen auch Störche jagen und töten.

Deshalb wird aus dem Storch kein schlechter Vogel. Genauso wenig wird aus dem Geier ein schlechter Vogel. Beide tun das, was die Natur für sie vorgesehen hat.

Genau deshalb tue ich mich schwer damit, Tiere ständig in menschliche Kategorien einzuteilen. Mal feiern wir eine Art als Erfolgsgeschichte des Naturschutzes. Dann passiert etwas, das uns emotional nicht gefällt, und plötzlich suchen wir nach Schuldigen.

Dabei vergisst man schnell, dass Natur weder gerecht noch ungerecht ist.

Natur ist Natur.

Das bedeutet nicht, dass wir alles gut finden müssen. Natürlich dürfen uns solche Bilder berühren. Natürlich dürfen wir Mitleid empfinden. Aber vielleicht sollten wir vorsichtig sein, wenn wir anfangen, unsere menschlichen Maßstäbe auf Tiere zu übertragen.

Denn wer Natur wirklich verstehen will, muss manchmal akzeptieren, dass sie nicht nach unseren Vorstellungen funktioniert. Nicht nach Sympathie. Nicht nach Moral. Und schon gar nicht danach, wen wir gerade lieber mögen.

Genau deshalb lohnt es sich, bei solchen Bildern nicht nur zu fragen, was passiert ist. Sondern auch, warum wir darüber so unterschiedlich urteilen.

Vielleicht lernen wir dabei nicht nur etwas über Geier oder Störche.

Vielleicht lernen wir dabei auch etwas über uns selbst.

Grüße gehen raus ins Land und die Region.

Autor:

Redaktion Land und Region
Christian Kluge

Fotos: Kluge Kommunikation

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