01.10.2026 – land und region

57 Prozent der Menschen in Deutschland leben nach der Abgrenzung des Thünen-Instituts in ländlichen Räumen. Diese Räume machen 91 Prozent der Landesfläche aus. Und trotzdem klingt „ländlicher Raum“ in manchen Debatten, als rede man über eine abgelegene Randlage mit überschaubar vielen Bewohnern.

Wie bitte?

Es geht um mehr als die Hälfte der Menschen in diesem Land. Um Orte, an denen gearbeitet, produziert, gepflegt, gegründet und gelebt wird. Trotzdem richtet sich der Blick auf diese Orte oft erst dann, wenn dort etwas gebraucht wird: Platz für Windräder und Photovoltaik. Trassen für Stromleitungen. Flächen für Straßen, Gewerbe und Logistik.

Über all das müssen wir reden. Natürlich brauchen wir Energie und Infrastruktur. Aber ich will eine andere Frage stellen: Was brauchen eigentlich die Menschen, die dort wohnen, wo diese Infrastruktur entsteht?

Sie brauchen einen Arzt, den sie erreichen können. Eine Schule, eine Kita, Pflege und Einkaufsmöglichkeiten. Sie brauchen Mobilfunk und Internet, auf die sie sich verlassen können. Und sie brauchen Wege, um zur Arbeit und wieder nach Hause zu kommen. Wenn kein Bus fährt, lässt sich die Fahrt nicht durch einen Appell zur Verkehrswende ersetzen.

Ich erwarte nicht, dass in jedem Dorf eine U-Bahn hält. Das verlangt niemand. Aber „Auf dem Land ist das eben so“ darf auch keine Antwort sein, wenn grundlegende Versorgung wegfällt. Wer den Menschen sagt, sie sollen bleiben, Betriebe übernehmen, Familien gründen und Verantwortung für ihre Region tragen, muss ihnen sagen können, wie das unter diesen Bedingungen funktionieren soll.

Mich stört vor allem diese Selbstverständlichkeit: Für das, was dem ganzen Land dient, findet sich auf dem Land Platz. Wenn es um die Bedürfnisse vor Ort geht, werden die Wege plötzlich zu weit, die Zahlen zu klein und die Lösungen zu teuer. Wie soll das zusammenpassen?

Das ist kein Vorwurf an die Städte. Sie brauchen die ländlichen Räume, und die ländlichen Räume brauchen die Städte. Genau deshalb sollten wir aufhören, beides gegeneinander aufzurechnen. Strom, Lebensmittel, Arbeitsplätze und Waren enden nicht an einer Gemeindegrenze. Die Menschen auch nicht.

Ich will, dass politische Entscheidungen den ländlichen Raum als Lebensraum behandeln. Wer dort eine Stromleitung plant, muss auch nach der örtlichen Versorgung fragen. Wer neue Gewerbeflächen will, muss Mobilität und Infrastruktur mitdenken. Und wer von gleichwertigen Lebensverhältnissen spricht, muss erklären, was davon vor Ort tatsächlich ankommt.

Gleichwertig heißt nicht überall gleich. Es heißt, dass ein gutes Leben nicht davon abhängen darf, ob vor der Haustür eine U-Bahn fährt.

57 Prozent der Menschen sind keine Randgruppe. Sie leben mitten in Deutschland. Es wird Zeit, auch so über sie zu entscheiden.

Grüße gehen raus ins Land und die Region.

Autor:

Redaktion Land und Region
Christian Kluge

Fotos: Kluge Kommunikation

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