08.09.2026 – land und region

So, am Sonntag war Wahl. Und wenn du jetzt glaubst, ich feiere hier das Ergebnis: falsch. Wenn du glaubst, ich werde es jetzt verteufeln: auch falsch. Wenn du für eines von beidem hergekommen bist, kannst du weiterscrollen.

Mich beschäftigt nämlich etwas ganz anderes: Warum redet eigentlich kaum jemand darüber, dass so viele Menschen wählen gegangen sind? Ist eine hohe Wahlbeteiligung nicht erst einmal etwas ziemlich Großartiges für eine Demokratie? Oder finden wir Wahlbeteiligung nur dann großartig, wenn die Leute anschließend ihr Kreuz auch an der Stelle machen, an der wir es gerne hätten?

So nach dem Motto: Demokratie ist super. Aber ein bisschen mitmachen müsst ihr schon. Und überhaupt: Ist die eine gültige Stimme eigentlich weniger wert als die andere? Nein? Gut.

Denn sonst müssten wir konsequenterweise auch fragen: Ist die Stimme eines Menschen vom Land weniger wert als die eines Menschen aus der Stadt? Die eines Selbständigen weniger als die eines Arbeiters? Die eines Bauern weniger als die eines Professors? Die eines 70-Jährigen weniger als die eines 20-Jährigen?

Merkt ihr was? Genau deshalb haben wir doch allgemeine, unmittelbare, freie, gleiche und geheime Wahlen. Weil eben nicht vorher irgendeiner entscheidet, wessen Stimme besonders vernünftig ist. Und wessen eher so mittel.

Wir haben zum Glück auch keine kleine Kommission am Ausgang des Wahllokals sitzen, die anschließend noch einmal guckt, ob das Kreuz politisch pädagogisch wertvoll gesetzt wurde. Jede gültige Stimme zählt gleich. Das heißt nicht, dass jede politische Meinung richtig ist. Aber genau darüber entscheidet eben nicht der Wahlhelfer an der Urne. Ist das nicht eine ziemlich geniale Basis von Demokratie?

Und hat diese Wahl deshalb nicht zunächst einmal etwas ganz Einfaches gezeigt? Demokratie funktioniert. Menschen gehen wählen. Sie treffen eine Entscheidung. Und danach müssen diejenigen, die Politik machen wollen, mit dieser Entscheidung umgehen.

Auch wenn sie ihnen nicht gefällt. Denn die Staatsgewalt geht vom Volke aus. In unserem Grundgesetz steht meines Wissens nämlich nicht: Eine Wahl ist nur dann gut, wenn das Volk auch vernünftig abstimmt. Und da steht auch nicht: Wenn das Ergebnis nicht gefällt, wählen wir einfach so lange weiter, bis alle einigermaßen zufrieden sind.

Ich hab extra noch mal geguckt. Steht da wirklich nicht.

Was mich nach Wahlen aber inzwischen fast noch mehr fasziniert, kommt danach. Plötzlich erklären einem alle, warum eigentlich immer die anderen etwas falsch gemacht haben. Die anderen haben die Menschen nicht erreicht. Die anderen haben Ängste geschürt. Die anderen haben schlecht kommuniziert. Die anderen haben die falschen Antworten gegeben.

Nur bei einem selbst? Da gibt es natürlich auch keine Widersprüche im politischen Programm. Keine falschen Entscheidungen. Keine Themen, bei denen man vielleicht komplett an der Lebenswirklichkeit der Menschen vorbeigelaufen ist.

Nein. Die eigene Politik war eigentlich richtig. Man muss sie künftig nur besser erklären. Das ist natürlich praktisch. Dann muss man nämlich nichts ändern. Außer die Erklärung.

Entschuldigung. Was genau heißt das eigentlich? „Wir müssen unsere Politik besser erklären.“ Hab ich sie vielleicht verstanden? Und finde sie trotzdem falsch? Ist diese Möglichkeit inzwischen vollkommen ausgeschlossen? Oder bin ich einfach zu blöd gewesen, die ganze Genialität dahinter zu erkennen?

Vielleicht habe ich beim Erklären auch einfach nicht richtig aufgepasst. Kann ja passieren, wenn man gleichzeitig noch mit der Lebenswirklichkeit beschäftigt ist.

Und dann kommt mein persönlicher Liebling: „Wir müssen unsere Politik emotionaler vermitteln.“ Ach so. Dann war also gar nicht die Politik das Problem. Sondern die Verpackung. Dann brauchen wir keine anderen Entscheidungen. Dann brauchen wir offenbar nur jemanden aus dem Marketing. Ein bisschen Storytelling. Schönes Licht. Klaviermusik drunter. Vielleicht noch irgendwo ein Kind, das glücklich über eine Blumenwiese läuft.

Und schon denke ich: Mensch. Diese Entscheidung, die ich gestern noch vollkommen bescheuert fand, fühlt sich heute plötzlich richtig kuschelig an. Vielleicht noch einen Sonnenuntergang dazu. Dann verstehe ich sie bestimmt endgültig.

Oder, ganz verrückter Gedanke: Kann es vielleicht sein, dass Menschen politische Entscheidungen nicht ablehnen, weil sie ihnen schlecht erklärt wurden? Sondern weil sie sie verstanden haben und tatsächlich nicht wollen?

Kann es sein, dass man nach einer Wahl nicht zuerst überlegen sollte, wie man den Menschen seine Politik besser verkauft? Sondern ob die Politik vielleicht verändert werden muss? Und müsste dann nicht irgendwann jemand vor die Kameras treten und sagen:

Wir haben verstanden. Und nicht: Wir müssen euch jetzt nur noch besser erklären, warum wir die ganze Zeit recht hatten. Wo ist eigentlich der politische Selbstzweifel geblieben? Dieser kurze, offenbar inzwischen ziemlich exotische Gedanke: Vielleicht hatten wir an einigen Stellen einfach nicht recht. Vielleicht haben wir Entscheidungen getroffen, die an der Lebenswirklichkeit vieler Menschen vorbeigingen. Vielleicht haben wir Dinge falsch eingeschätzt. Vielleicht müssen wir etwas ändern. Grundsätzlich.

Und zwar nicht irgendwann auf einer Klausurtagung in irgendeinem Schloss. Sondern morgen früh. Am Schreibtisch. Denn wäre das nicht eigentlich die banalste Konsequenz aus Demokratie?

Oder habe ich Demokratie wieder falsch verstanden?

Aber wahrscheinlich nicht.

Autor:

Redaktion Land und Region
Christian Kluge

Fotos: Kluge Kommunikation

DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner