19.05.2026 – land und region
Mit dem Frühjahr beginnt auf vielen Grünlandflächen die Zeit der ersten Mahd. Für landwirtschaftliche Betriebe ist sie ein wichtiger Schritt im Jahreslauf. Das Gras wird geerntet, um daraus Futter für Rinder, Pferde oder andere Nutztiere zu gewinnen. Gerade der erste Schnitt gilt als besonders wertvoll, weil das junge Gras viele Nährstoffe enthält.
Gleichzeitig fällt diese Zeit in eine sensible Phase der Natur. Viele Wildtiere ziehen ihren Nachwuchs groß, darunter auch Rehe. Besonders Rehkitze halten sich in den ersten Lebenswochen häufig verborgen im hohen Gras auf. Genau dadurch entsteht ein Zielkonflikt zwischen notwendiger Futterernte und Wildtierschutz.
Warum Rehkitze nicht fliehen
Ein weit verbreitetes Missverständnis ist die Annahme, dass junge Rehe bei Gefahr einfach weglaufen. Tatsächlich funktioniert ihr Schutzmechanismus genau umgekehrt.
Rehkitze besitzen in den ersten Lebenswochen kaum Eigengeruch. Statt aktiv zu fliehen, drücken sie sich instinktiv ins Gras und bleiben regungslos liegen. Dieses Verhalten schützt sie in der Natur vor Fressfeinden.
Bei landwirtschaftlichen Maschinen wird dieser Instinkt jedoch zum Problem. Das Tier bleibt liegen, obwohl Gefahr naht.
Die erste Mahd ist entscheidend für die Futterqualität
Für landwirtschaftliche Betriebe ist der Zeitpunkt der Mahd nicht beliebig wählbar. Wetter, Pflanzenentwicklung und Futterqualität bestimmen, wann gemäht werden muss. Gerade beim ersten Schnitt entscheidet der richtige Zeitpunkt über Energie- und Nährstoffgehalt des Futters.
Wird zu spät gemäht, verliert das Gras an Qualität. Für Betriebe mit Tierhaltung hat das direkte Auswirkungen auf die Fütterung und damit auf Tiergesundheit und Leistung. Die Mahd erfolgt deshalb häufig in kurzen Wetterfenstern, in denen viele Flächen innerhalb kurzer Zeit bearbeitet werden müssen.
Rehkitzrettung als gemeinsame Aufgabe
In den vergangenen Jahren hat sich die Rehkitzsuche vor der Mahd stark weiterentwickelt. In vielen Regionen arbeiten Landwirte, Jäger und Ehrenamtliche eng zusammen, um Wildtiere rechtzeitig zu finden und zu sichern.
Dabei kommen unterschiedliche Methoden zum Einsatz:
- Absuchen der Flächen zu Fuß
- Einsatz von Wärmebilddrohnen
- Vergrämungsmaßnahmen vor der Mahd
- Abstimmung zwischen Jagd und Landwirtschaft
Besonders Drohnen mit Wärmebildtechnik haben die Möglichkeiten deutlich verbessert. Sie können Rehkitze im hohen Gras sichtbar machen, bevor die Mahd beginnt.
Technik verbessert den Schutz, ersetzt ihn aber nicht vollständig
Der Einsatz moderner Technik hat die Zahl geretteter Tiere deutlich erhöht. Dennoch bleibt die Situation anspruchsvoll. Große Flächen, dichter Bewuchs, wechselnde Temperaturen und enger Zeitdruck erschweren die Arbeit.
Hinzu kommt, dass die Mahd oft früh am Morgen beginnt, weil Wetter und Tau eine wichtige Rolle spielen. Rehkitzsuche bedeutet deshalb häufig Einsätze in den frühen Morgenstunden, organisiert von Ehrenamtlichen, Jägern und Landwirten gemeinsam.
Landwirtschaft und Naturschutz arbeiten hier zusammen
Die Diskussion über Landwirtschaft und Naturschutz wird häufig als Gegensatz dargestellt. Die Rehkitzsuche zeigt jedoch ein anderes Bild: In der Praxis arbeiten viele Beteiligte eng zusammen.
Landwirtschaftliche Betriebe haben selbst ein großes Interesse daran, Wildtiere zu schützen. Gleichzeitig sind sie darauf angewiesen, ihre Flächen wirtschaftlich nutzen zu können. Die gemeinsame Suche vor der Mahd verbindet beide Ziele: Futtergewinnung und Wildtierschutz.
Warum sich Risiken trotzdem nie ganz ausschließen lassen
Trotz aller Bemühungen bleibt ein Restrisiko bestehen. Natur, Technik und Zeitdruck lassen sich nicht vollständig kontrollieren. Nicht jedes Tier wird gefunden, nicht jede Situation ist vorhersehbar.
Das bedeutet jedoch nicht, dass kein Schutz stattfindet. Entscheidend ist, dass heute deutlich mehr Aufwand betrieben wird als noch vor wenigen Jahren. Rehkitzrettung ist vielerorts fester Bestandteil der Frühjahrsarbeit geworden.
Sichtbare Landwirtschaft schafft Verständnis
Die Rehkitzsuche zeigt beispielhaft, wie komplex moderne Landwirtschaft tatsächlich ist. Auf einer Wiese treffen Futterproduktion, Wetter, Tierhaltung, Naturschutz und ehrenamtliches Engagement gleichzeitig aufeinander. Von außen ist oft nur die Maschine sichtbar. Dahinter steckt jedoch ein deutlich größerer organisatorischer und menschlicher Aufwand.
Fazit
Die erste Mahd ist ein wichtiger Bestandteil der landwirtschaftlichen Futterproduktion. Gleichzeitig fällt sie in eine sensible Phase für Wildtiere wie Rehkitze. Moderne Rehkitzsuche versucht, beide Anforderungen zusammenzubringen: notwendige Landwirtschaft und praktischen Wildtierschutz.
Dabei zeigt sich, dass Landwirtschaft und Naturschutz in vielen Bereichen nicht gegeneinander arbeiten, sondern gemeinsam Lösungen suchen. Genau diese Zusammenarbeit wird auf den Wiesen im Frühjahr sichtbar.
Und oft beginnt sie lange vor Sonnenaufgang.
Grüße gehen raus ins Land und die Region.
Autor:
Redaktion Land und Region
Christian Kluge
Fotos: Kluge Kommunikation