05.11.2026 – land und region

Eine Möhre wächst im Boden. Da wird sie manchmal gerade, manchmal krumm, manchmal kurz und dick. Solange sie gesund und essbar ist, sehe ich darin kein Problem. Im Handel kann ihre Form trotzdem darüber entscheiden, ob sie überhaupt als Speisemöhre verkauft wird.

Das ärgert mich. Denn die Möhre ist nicht erst dann ein Lebensmittel, wenn sie ordentlich nebeneinander in eine Schale passt. Sie ist auf einem Acker gewachsen, wurde gepflegt und geerntet. Dafür wurden Fläche, Wasser, Energie und Arbeitszeit eingesetzt. All das ist nicht weniger wert, weil sie einen Knick hat.

Natürlich gibt es gute Gründe, Gemüse zu sortieren. Faulige oder beschädigte Ware gehört nicht einfach ins Regal. Auch Lagerung, Transport und Verarbeitung stellen Anforderungen. Aber eine ungewöhnliche Form ist kein Qualitätsmangel, den man beim Essen bemerkt. Trotzdem gehen die Ansprüche an Größe und Aussehen im Handel teils weit über die gesetzlichen Vorgaben hinaus. Sogar eine zu lange oder krumme Möhre kann aussortiert werden, weil sie nicht in die vorgesehene Verpackung passt.

Da muss man die Frage schon einmal umdrehen: Ist die Möhre falsch gewachsen? Oder haben wir die Verpackung und das Regal so geplant, dass darin nur noch Gemüse mit Modelmaßen Platz hat?

Der Handel verweist gern darauf, dass Kunden gleichmäßiges Gemüse erwarten. Sicher greifen viele zuerst nach der geraden Möhre. Aber was Menschen kaufen, hängt auch davon ab, was sie überhaupt angeboten bekommen. Wenn krummes Gemüse im Laden kaum vorkommt, lernt niemand, es als ganz normales Gemüse zu betrachten. Der Handel gestaltet diese Erwartung mit. Er kann sie also auch ändern.

Und wir als Käufer haben ebenfalls einen Anteil daran. Wer im Regal jede Möhre prüft, als ginge es um einen Schönheitswettbewerb, darf sich nicht wundern, wenn genau nach diesem Maßstab eingekauft und sortiert wird. Wertschätzung für Lebensmittel zeigt sich beim Einkauf. Auch dann, wenn die Möhre für die Suppe nicht kerzengerade ist.

Ein Teil des aussortierten Gemüses wird weiterverarbeitet oder als Tierfutter genutzt. Das ist sinnvoller, als es verkommen zu lassen. Gerade Nutztiere können Erzeugnisse verwerten, die nicht als Frischware verkauft werden. Aber diese Verwendung beantwortet die eigentliche Frage nicht: Warum wird eine essbare Möhre überhaupt zur Ware zweiter Wahl, nur weil sie anders aussieht?

Wir reden ständig über Nachhaltigkeit und darüber, sorgfältig mit unseren Ressourcen umzugehen. Dann sollten wir bei etwas so Einfachem wie einer Möhre anfangen. Der Handel muss seine Anforderungen an Form und Verpackung überprüfen. Und wir müssen aufhören, Essbarkeit mit Makellosigkeit zu verwechseln.

Eine krumme Möhre ist kein Fehler der Landwirtschaft. Sie zeigt, wie gerade wir uns ein Lebensmittel zurechtgelegt haben.

Autor:

Redaktion Land und Region
Christian Kluge

Fotos: Kluge Kommunikation

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