04.11.2026 – land und region
So, heute machen wir mal ein Casting. Für Gemüse. Genauer gesagt: Für Möhren! Und leider würden dabei verdammt viele Karotten den berühmten Satz hören: „Ich habe heute leider kein Foto für dich!“ Zu krumm! Zu dick! Zu dünn! Raus! Brauchen wir nicht!
Geschmack? Nährstoffe? Völlig uninteressant! Hier zählt nur das Aussehen. Willkommen bei Germany’s Next Topmöhre! Und bevor ihr jetzt anfangt, Mitleid mit den armen Möhren zu haben: Keine Sorge! Bei Kartoffeln, Gurken, Äpfeln und anderem Obst und Gemüse wird genauso gnadenlos nach dem Aussehen aussortiert!
Und jetzt mal eine Frage dazu: Wie viel Wertschätzung steckt eigentlich in unserem Umgang mit Lebensmitteln, wenn schon eine krumme Möhre durchfällt? Wir leben schließlich in einer Gesellschaft, in der wir größten Wert darauf legen, niemanden nach seinem Aussehen zu beurteilen! Niemanden ausgrenzen! Vielfalt! Akzeptanz! Wertschätzung!
Großartig! Mittlerweile wird jedes Wort dreimal umgedreht, bevor es ausgesprochen werden darf, damit sich bloß niemand auf den Schlips getreten fühlt. Aber wehe, eine Möhre hat einen krummen Hintern! Dann ist Schluss mit lustig! Dann fliegt das hässliche Ding achtkantig raus!
Im Gemüseregal herrscht offenbar eine knallharte Schönheitsdiktatur.
Und das ist nicht irgendein Witz. Wenn Obst und Gemüse nicht den Normen der Schönheit entspricht, die sich wahrscheinlich irgendeiner im Bürokratenkeller ausgedacht hat, fliegt vielerorts aus der Supermarktauslage.
Mit anderen Worten: Die Möhre ist gewachsen. Sie ist geerntet. Sie ist essbar. Und vor allen Dingen: Sie schmeckt gut. Aber für unsere Vorstellungen von einer anständigen Möhre hat sie offenbar die falsche Figur. Tja, Charakter ist eben nicht alles. Jedenfalls nicht bei Karotten!
Und jetzt wird’s richtig bekloppt: Auch die krumme Möhre hat Ackerfläche gebraucht. Wasser. Pflege. Arbeitszeit. Energie. Wir diskutieren über Ressourcenschutz, Nachhaltigkeit und den ökologischen Fußabdruck jedes einzelnen Lebensmittels. Aber gleichzeitig erwarten wir allen Ernstes, dass die Natur gefälligst Gemüse nach DIN-Norm produziert!
Zum Glück gibt es ja noch eine sinnvolle Verwendung für aussortiertes Gemüse. Zum Beispiel als Tierfutter. Denn wisst ihr was? Der Kuh ist es völlig scheißegal, ob die Möhre einen dicken Hintern hat. Die setzt ausschließlich auf Geschmack! Und ich weiß, das wollen jetzt manche nicht hören: Die macht aus dem, was wir aussortieren, auch noch Milch für uns!
Ob wir irgendwann einfach mal anfangen, ein bisschen mehr Kuh zu sein?
Aber wahrscheinlich nicht.
Autor:
Redaktion Land und Region
Christian Kluge
Fotos: Kluge Kommunikation