08.07.2026 – land und region

So, die Ernte ist in vollem Gange. Beim Gras sind wir ja schon seit Monaten unterwegs. Jetzt kommen Getreide, Raps und Kartoffeln dazu. Und damit beginnt auch wieder Deutschlands beliebtester Sommersport. Landwirtschaftliche Maschinen möglichst kreativ zu überholen.

Manche Menschen sehen einen Trecker und denken: „Wenn ich den jetzt nicht überhole, komme ich vermutlich erst nächsten Dienstag zuhause an.“ Und plötzlich gibt das Gehirn die komplette Entscheidungsgewalt an den rechten Fuß ab. Ab jetzt zählt nur noch eins: Vorbei. Egal wie. Egal wo. Egal warum. Kurve? Passt schon. Kuppe? Wird schon frei sein. Ortsschild? Ist bestimmt nur eine Empfehlung. Gegenverkehr? Der wird ja wohl auch mal bremsen können.

Und dann gibt es noch den absoluten Klassiker: Den gesetzten linken Blinker eines Treckers einfach komplett neu zu interpretieren. „Ach, der winkt bestimmt nur freundlich.“ Der linke Blinker ist offenbar für manche kein Verkehrszeichen, sondern eine unverbindliche Handlungsempfehlung.

Ich bewundere dieses Selbstvertrauen. Da wird ein Gespann überholt, das zusammen ungefähr so lang ist wie eine Drei-Zimmer-Wohnung. Mit Gegenverkehr. Und einer Sicherheitsreserve, bei der selbst ein Blatt Papier sagt: „Uiih, das wird eng.“ Nur damit man 43 Sekunden früher an der nächsten roten Ampel steht. Und dann häufig dort gemeinsam mit genau dem Trecker wartet, den man gerade unter Einsatz der eigenen Lebenserwartung überholt hat.

Und jetzt mal für alle, die glauben, „Fast & Furious“ wäre eine Netflix-Dokumentation und gleichzeitig eine Bedienungsanleitung für den Straßenverkehr. Der Landwirt fährt da nicht spazieren. Der versucht gerade, ein Wetterfenster zu nutzen, das manchmal nur wenige Stunden offen ist. Die Ernte wartet nämlich nicht und das Wetter interessiert sich ungefähr so sehr für deine Termine, wie eine Kuh für eine Blitzer-App.

Deshalb mal eine völlig verrückte Idee: Einfach kurz warten. Nicht drängeln. Nicht blind überholen. Und wenn der Trecker rechts ranfährt, bedankt euch kurz. Der hat euch gerade Zeit geschenkt, obwohl er eigentlich selbst keine hat.

Und jetzt habe ich noch einen völlig absurden Vorschlag. Nutzt die Zeit hinter einer Erntemaschine doch einfach mal um euch umzuschauen. Schaut mal aus dem Seitenfenster. Wie schön unser Land ist. Wie lebenswert unsere Dörfer sind. Wie abwechslungsreich unsere Landschaft ist.

Und jetzt wird’s richtig verrückt: Schaut euch doch mal das Essen an, das gerade noch auf den Feldern und Wiesen steht. Denn genau deshalb sind die Maschinen überhaupt unterwegs. Nicht um euch zu ärgern.

Aber wahrscheinblich nicht.

Autor:

Redaktion Land und Region
Christian Kluge

Fotos: Kluge Kommunikation

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