26.10.2026 – land und region
Die Bundesregierung plant eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke. Sie soll den Zuckerkonsum senken und das Gesundheitssystem entlasten. Über dieses Ziel kann man vernünftig sprechen. Ein hoher Zuckerkonsum ist kein gesundheitlicher Gewinn, und ich habe keinen Grund, ihn schönzureden.
Aber ich finde diese Steuer undifferenziert. Sie greift sich Getränke heraus, während Zucker in vielen anderen Lebensmitteln weiter keine Rolle für diese Steuer spielt. Eine Cola wird zum gesundheitspolitischen Problem. Was sonst auf dem Teller liegt, bleibt bei dieser Entscheidung außen vor.
Noch etwas bleibt außen vor: die Herkunft des Zuckers und die Menschen, die ihn erzeugen.
Für mich beginnt die Debatte deshalb auf dem Acker. Dort wachsen Zuckerrüben. Landwirte bestellen und pflegen sie, tragen hohe Kosten und das Risiko einer Ernte, deren Ergebnis sie nicht allein bestimmen können. Die Rüben gehen in Zuckerfabriken. An ihnen hängen Beschäftigte, Transporte und Einkommen in ländlichen Regionen. Das ist eine ganze Wertschöpfungskette, die in der Diskussion über eine Getränkesteuer kaum vorkommt.
Was bedeutet es für diese Kette, wenn Hersteller weniger Zucker einsetzen oder ihn durch Süßstoffe ersetzen? Ich behaupte nicht, dass wegen dieser Steuer morgen eine Zuckerfabrik schließt. Aber wenn die Politik ausdrücklich erreichen will, dass weniger Zucker verwendet wird, dann muss sie die Folgen für den heimischen Rübenanbau wenigstens untersuchen und mit den Betroffenen besprechen. Das ist keine Nebenfrage. Es ist Teil der Entscheidung.
Die Lage der Rübenanbauer ist schon jetzt schwierig. Produktionskosten bleiben hoch. Krankheiten setzen den Beständen zu. Die Zuckerpreise stehen unter Druck. Und auf dem europäischen Markt konkurriert heimischer Rübenzucker auch mit günstigerem Zucker aus der Ukraine. Die EU hat für ukrainischen Zucker eine zollfreie Importquote vorgesehen. Wer solche Handelsbedingungen gestaltet, kann nicht gleichzeitig so tun, als spiele der Wettbewerb für unsere Anbauer keine Rolle.
Ich will daraus keine Schuldzuweisung an die Ukraine machen. Aber ich will, dass die Bundesregierung die Frage beantwortet, wie Rübenanbauer hier wirtschaftlich arbeiten sollen, wenn sie hohe Anforderungen erfüllen, ihre Kosten tragen und zugleich auf einem Markt mit preisgünstigen Importen bestehen müssen.
Und nun soll eine Steuer hinzukommen, die den Einsatz von Zucker in Getränken bewusst unattraktiver macht. Vielleicht verbessert sie die Rezepturen. Vielleicht führt sie auch dazu, dass Hersteller verstärkt Süßstoffe verwenden. Beides gehört offen auf den Tisch. Wer soll den Zucker in Zukunft noch aus deutschen Rüben erzeugen, wenn wir seine Nachfrage politisch senken und den wirtschaftlichen Druck auf seine Erzeuger zugleich hinnehmen?
Und dann heißt es schnell: Die Hersteller können den Zucker doch einfach durch Süßstoffe ersetzen. Für manche Menschen ist das keine brauchbare Alternative. Wer bestimmte Süßstoffe aus gesundheitlichen Gründen meiden muss, kann zu solchen Getränken nicht greifen. Auch das geht in der Rechnung „Zucker raus, Problem gelöst“ unter.
Ich erwarte keine Sonderbehandlung für Zucker. Ich erwarte eine Politik, die ihre Ziele zusammen denkt. Gesundheitsschutz ist wichtig. Faire Wettbewerbsbedingungen sind es auch. Wer regionale Erzeugung und Arbeitsplätze im ländlichen Raum erhalten will, muss bei einer solchen Entscheidung nach den Folgen für Anbau und Verarbeitung fragen.
Eine Steuer nur auf ausgewählte Getränke ist noch keine durchdachte Ernährungspolitik. Und eine Debatte über Zucker, in der die Zuckerrübe nicht vorkommt, ist unvollständig.
Gesundheitspolitik endet nicht am Flaschenrand. Politische Verantwortung auch nicht.
Grüße gehen raus ins Land und die Region.
Autor:
Redaktion Land und Region
Christian Kluge
Fotos: Kluge Kommunikation